Die Argumente gegen den Meisterzwang und für die Deregulierung

Die aktuelle Debatte um den Meisterzwang – und um die berechtigte Kritik an diesem seitens der EU-Kommission – ruft in jüngster Zeit immer wieder Wellen der Empörung hervor. Mal ist die Berufsfreiheit gleichzusetzen mit dem Untergang des Abendlandes, mal will die EU angeblich den Meisterbrief abschaffen. Besondere Freigeister spinnen sich sogar einen Angriff auf den Gesellenbrief zurecht. Diese “Fakten” werden für gewöhnlich zunächst an zentraler Stelle veröffentlicht und dann wild von vielen Innungen, Kammern und Unternehmen kopiert. Im jüngsten Massen-Blog-Beitrag werden 5 “Fakten” zum Meisterzwang aufgestellt.

1. Der Meisterzwang ist gelebter Verbraucherschutz

Die Argumentation ist, nur mit einem Meisterbrief sei es möglich, einen guten und nachhaltigen Betrieb zu führen. Dass in der Realität andere Sektoren sowohl in Sachen Ausbildung als auch in Sachen Qualitätswahrung prima ohne Meisterzwang zurecht kommen, ohne dass regelmäßig der Markt zusammen bricht, scheint für dieses Argument keine Rolle zu spielen. Der Meisterbrief ist eben Qualität, weil er Qualität ist. Sozusagen.

Wer den Meisterzwang kritisiert bekommt für gewöhnlich als allererste Gegenreaktion “Aber die Fliesenleger! 70%!!!”, womit suggeriert werden soll, die Deregulierung habe den Fliesenleger-Markt zerstört. Dass im Bäckerhandwerk ebenfalls ein Rückgang von etwa 41% passiert ist, wird da gerne mal zur Seite geschoben. Nun ist der Rückgang der Ausbildungsleistung im Fliesenleger-Gewerbe sicherlich nichts schönes und auch die Hohe Anzahl Einzelunternehmen wirft einige Probleme auf, diese Entwicklung aber alleine auf die Befreiung des Berufes zu schieben, wird der Realität allerdings nicht gerade gerecht.

Wer sich das Beispiel der Dreadstylists anguckt kann sogar sehen, dass es an manchen Stellen sogar so ist, dass erst die Handwerkskammer für den Pfusch sorgt.

2. Der Meisterzwang ist Grundlage für das hohe Leistungsniveau im Deutschen Handwerk

Kritisiert wird, dass bei den deregulierten Berufen kein Nachweis einer Qualifikation notwendig ist, um einen Betrieb zu gründen. Es bestünde kein Anreiz, sich die fachlichen und betriebswirtschaftlichen Kenntnisse anzueignen. Hierdurch würde es zu “Pfusch in Massen” kommen. Nun ist Pfusch natürlich durchaus ein reales Problem, allerdings ist dieses weder auf Betriebe ohne Meister beschränkt, noch liegt der Ursprung hierfür in der Befreiung einzelner Berufsfelder.

Wer jedoch Pfusch im Handwerk auf einen einzelnen Punkt herunter bricht und vereinfacht, ignoriert die zahlreichen Faktoren, die hierbei eine Rolle spielen. Die Arbeitsbedingungen – insbesondere in den Gewerben, in denen noch kein ausreichender Mindestlohn gezahlt wird – sind hier relevant. Eine weitere große Rolle spielen hier die Menschen selbst. Wenn alles möglichst schnell und möglichst billig passieren soll, wird sich ein Qualitätsverlust nicht immer vermeiden lassen. Hier habe ich als Verbraucher*in die Wahl: Nehme ich den Meisterbetrieb, den ähnlich positiv wirkenden Betrieb daneben oder nehme ich den schäbig wirkenden Schuppen mit den niedrigen Preisen am Ende der Straße in Auftrag? Die Abwägung ist meine freie Entscheidung.

(Für einen Meister, der vor 20 Jahren seinen z.B. seinen Elektro-Meisterbrief erworben hat, besteht nach Logik des Arguments übrigens auch kein Anreiz, sich mit den Weiterentwicklungen des Marktes auseinanderzusetzen. Ein Mechanismus, der eine adäquate Fortbildung von Meistern vorschreibt existiert nämlich nicht.)

3. Der Meisterzwang ist Grundlage der qualitativ hochwertigen Ausbildung im dualen System

In diesem Punkt verschließt sich das Handwerk vollkommen der Realität und propagiert “Ohne Meister, keine Ausbildung!”. Nun gut, das stimmt so nicht ganz, in vielen Ländern fast allen Ländern auf der Welt gibt es einen funktionierenden Handwerkermarkt ohne Meisterzwang und ganz nebenbei bildet unsere Industrie jedes Jahr mehr als das Handwerk eine Vielzahl an Menschen aus. Schwarze Magie? Wohl kaum.

Davon abgesehen geht es in der Kritik der EU-Kommission NICHT um den Meisterbrief als Grundlage zur Ausbildungsbefähigung, sondern um den Zugang zum Arbeitsmarkt.

4. Die Deregulierung hat nicht zu wirtschaftlichem Wachstum geführt!

Die Anzahl der Betriebe nahm seit der Deregulierung zu, der Umsatz jedoch blieb in etwa gleich. Das scheint soweit zu stimmen. Die durchschnittliche Betriebsgröße nahm ab. Was in diesem Absatz allerdings verschwiegen wird ist, dass die meisten dieser Aussage nicht nur auf die vom Meisterzwang befreiten Berufe zutrifft, sondern durchaus auch auf einige der noch immer eingeschränkten Handwerke zutrifft. Ein Blick auf das Friseurhandwerk recht aus, um zu sehen, dass der Meisterzwang nicht vor Lohndumping und zahlreichen Neugründungen schützt.

5. Die Meisterpflicht ist keine europäische Binnenmarktschranke

Dieses “Argument” verwirt mich ein wenig. es wird behauptet, der Meisterzwang sei keine Hürde für den europäischen Binnenmarkt. Nunja, Europäische Dienstleistende müssten schließlich nur eine gleichwertige Qualifikation nachweisen, wenn sie in Deutschland arbeiten wollen. Das Argument ist also “Der Meisterzwang ist keine Hürde, weil es gibt ja nur diese eine kleine Hürde.”

Fazit

Der Meisterzwang ist eine Einschränkung der Berufsfreiheit. Er stellt für viele Menschen ein Große Hürde dar. (Das sieht übrigens auch das Bundesverfassungsgericht so.) Nun gibt es natürlich Menschen, die einen eingeschränkten Markt toll finden, diese sollten dann aber doch bitte ehrlich Argumentieren. Die aktuelle Panik-Mache, der Meisterbrief, der Gesellenbrief und vermutlich noch das gesamte deutsche Handwerk ginge demnächst unter ist unter aller Würde für die “Wirtschaftsmacht von nebenan”.

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